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08.08.2019

Mister Wichtig, denn ohne Titel is nix

Der Receptionist heisst jetzt Master of Welcome, und die Bankangestellte aus Oerlikon nennt sich Cash Relation Officer. Der Toilettenputzer wird zum Facility Manager hochgepimpt. Zum irdischen Glück fehlt nur noch der Happiness Officer. Die Welt der Jobtitel ist leider etwas unübersichtlich geworden. Der Chief Digital Officer im Vorstand macht wahrscheinlich Sinn, wie auch der Social Media Manager. Etabliert haben sich schon lange CEO (Chief Executive Officer) oder CFO (Chief Financial Officer) und CIO (Chief Information Officer).

Aber ein Chief ist nicht immer ein Chief und der Officer meistens kein Beamter. Der Zeitungsjunge wird neu zum Media Distribution Officer. Und ohne Manager oder Director mit „c“ auf der Visitenkarte geht gar nichts mehr. Also Senior oder Vice oder Deputy Manager im Minimum. Ohne Sales Manager kein Verkauf und ohne Client Service Director keine Kundenbetreuung. Eine Nummer kleiner ist dann der Head of Irgendwas. Der Art Director ist ja auch auf eine Art Direktor. Noch vor Kurzem hatte es 10 Jahre Erfahrung gebraucht, um sich so nennen zu können. Heute schmücken sich bereits die Schulabgänger mit diesem Titel, der absolut inflationär gebraucht wird. Texter nennen sich Copywriter. Oder noch besser CD, also Creative Director Text oder so ähnlich. Früher hiessen diese Berufsbezeichnungen schlicht Grafiker und Texter.

Aber klar doch: Manager klingt wahrlich besser als Leiter, und der CEO ist natürlich auch nicht glücklich, wenn man ihn „Chef vom Ganzen“ nennt. Freiberufler sind jetzt Freelancer. Tönt halt einfach wahnsinnig schick. Fehlt nur noch, dass ein Fensterputzer zum Vision Clearance Engineer hochgestellt wird und aus dem Gärtner ein Technical Horticultural Maintance Officer wird. Manche Stellenbezeichnungen sind absichtlich unverständlich, denn wer sie nicht versteht, wird sowieso nicht eingestellt. Also ein Android Developer zum Beispiel. Oder ein Scrum Master, der Projekte nach der Managment-Methode Scrum leitet. Ganz toll treiben es auch die Franzosen mit dem PDG: Président-directeur général. Das macht richtig Laune.

Bei uns ist alles noch beim Alten – bis jetzt: Also unsere Projektmanager, die Menschen, mit denen Sie meistens am Telefon reden, heissen immer noch Disponenten. Und die Chefs, also die Direktoren oder Leiter oder CEO und dergleichen nennen wir Geschäftsführer. www.usg.ch

Ohne Akku ist man kein Mensch

Der Mensch hängt an der Strippe, pardon am Ladekabel, so wie die Wirtschaft am Erdöl. Das Kabel als Nabelschnur für den Homo-Smartophonikus. Die Freiheit des Menschen hängt buchstäblich am Akku. Okay, die Dinger können explodieren, das will aber keiner wissen.

Wichtig ist, dass ich mein Handy, meine E-Zigarette, meinen Rasenmäher, mein E-Roller, mein Auto an den eckigen weissen oder schwarzen Kerl hängen kann. Dieses Lithium- Ionen-Dingens, das nicht ganz umweltfreundlich hergestellt wird. Sobald das Dingens nicht mehr kann, ist die Stimmung im Keller. Der Kontakt zur Aussenwelt ist tot. Robotino mäht nicht mehr. Der Scooter steht. Und das Smartphone haucht sein Leben aus. Panik. Hektisches Suchen. Der Erwachsene wirkt plötzlich wie ein Kind. Hilflos mit dem Kabel in der Hand auf der Suche nach einer Steckdose irrt er durch die Wohnung, das Restaurant, das Büro und die Stadt. Und die Klugen unter den Suchenden erkennen: Wir hängen alle am Kabel. Die Technik beherrscht uns. Wir werden zu Kabeljunkies. Nichts von Unabhängigkeit. Nichts von Freiheit. Nur noch Ladehemmung.

Bei uns Übersetzern funktioniert auch nichts ohne Strom. Die Computer. Die Programme. Aber wir haben uns nicht der bedingungslosen Abhängigkeit verschrieben. Unser Garant für tadellose Übersetzungen ist immer noch unser Gehirn. Das wird bei uns noch ohne Strom versorgt, in 33 Sprachen.

Unterirdisch

Die Visionen der IT-Giganten im Silicon Valley, die realen Probleme der Menschheit zu lösen, sind auf der Strecke geblieben. Die Gründer und Pioniere dagegen sind derweil im Zeitraffer zu Milliardären geworden.

Google träumte vom selbstfahrenden Auto, das keine Unfälle verursacht. Doch die Mathematiker und Programmierer haben die Hard- und Softwareprobleme unterschätzt. Der Fahrdienstleister Uber, der einen billigen Ersatz für die ohnehin schon schlecht bezahlten Taxifahrer anbietet, ist alles andere als ethisch motiviert und hat mit einem seiner selbstfahrenden Autos bereits einen Menschen auf dem Gewissen. Der Elektroautopionier Tesla hat ein stromfressendes Ungeheuer auf vier Rädern gezüchtet. Das Problem, wo die saubere Energie denn herkommen soll, ist nach wie vor ungelöst. Gegen den fossilen Ressourcenabbau hat keiner dieser Giganten ein Rezept, mit ihren Netzwerken und Datenspeichern fressen sie eher noch mehr Strom als zuvor.

Klar, mancher findet es praktisch, wenn der Konsumtölpel Siri einem sagt, wo denn die nächste Kneipe zu finden sei. Oder wenn Google Navigator die nächste Tankstelle anzeigt und TripAdvisor meint, dass man in diesem Restaurant besser nicht einkehren sollte. Aber dieser Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, wie schon Immanuel Kant treffend bemerkte. Es geht nicht um die Menge der Informationen, sondern um die Fähigkeit, diese zu bewerten.

Das wäre in etwa so, wie wenn wir als Sprachmittler mit einem automatischen Übersetzungsprogramm arbeiten würden und dieses Pigdin-Geschwafel ungefiltert und unkorrigiert an unsere Kunden weitergeben würden. Bisher haben diese Automaten – um es mal nett zu sagen – nur unterirdische Syntax produziert oder so etwas wie ausserirdische Prosa. Anders gesagt: Wir lösen in 33 Sprachen seit fast 40 Jahren Sprachprobleme aller Art mit Menschen aus Fleisch und Blut und mit Hirn.

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