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Die beunruhigende Geschichte des Turmes zu Babel hat Maler und Schriftsteller seit je her fasziniert. Dieser merkwürdige Bau hat die Fantasie der Menschen in seinen Bann gezogen und bis heute nicht mehr losgelassen. Vielleicht weil wir noch immer in einem babylonischen Sprachengewirr leben oder vielleicht weil jedes Mal, wenn die Menschheit sich ein neues, ehrgeiziges Ziel steckt, die Erinnerung an die erste grosse Technologie-Katastrophe kurz aufblitzt.
Wenn wir einen Moment innehalten um nachzudenken, könnten wir auf die Idee kommen, dass der Turm gebaut wurde, um zerstört zu werden, so dass es viele Sprachen und Mittel des künstlerischen Ausdrucks gebe. Aus dem Zerstreuen, das die Menschen einander entfremden sollte, entstanden nicht unüberwindbare Distanzen, sondern der Reichtum der unterschiedlichen Kulturen dieser Welt.
Der Schriftsteller Giorgio Manganelli stellt die These auf, dass der Turm von Babel nicht der Arroganz der Menschen entsprang, sondern ihrer Verzweiflung: Da es nur eine Sprache gab, konnten sie alles benennen ausser sich selbst. Mit einem Turm bis zum Himmel würden die Menschen den Namen, der dort verweilte, einfangen können, sich selber erkennen und nie mehr zerstreut sein.
Im Alten Testament steht geschrieben, dass vor langer Zeit, als die Welt nur eine Sprache kannte, die Menschen beschlossen, eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel zu bauen und sich so einen Namen zu machen, damit sie sich nicht über die ganze Erde zerstreuten. Doch dies missfiel dem Herrn, er verwirrte ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen verstand, und er zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde. So hörten sie auf, an der Stadt zu bauen.
Doch als der Turm und die Stadt mit der Zeit wuchsen, verloren jene, die oben bauten, den Kontakt mit jenen, die unten wohnten, und die Leute, die in einem Stadtteil wohnten, kannten die aus einem anderen Stadtteil nicht mehr. Ohne den Schutz des Namens wurde die Menschheit zerstreut, obwohl alle in einer Stadt lebten.
Gott konnte tatsächlich nicht tolerieren, dass die Menschen sich einen Namen machten, doch um dies zu verhindern, war keine gewaltsame Handlung Gottes vonnöten: Das Verstreichen der Zeit reichte aus, um die Menschheit in eine Myriade von Nationen aufzuteilen.
Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges erinnert uns daran, dass man lange Zeit geglaubt hatte, die ursprüngliche, einzige Sprache der Bibelgeschichte sei Hebräisch gewesen. Für die Juden war das Himmelsgewölbe ein riesiges Eisen- und Glasdach sehr hoch, aber nicht ausser Reichweite. Es ist deshalb keineswegs überraschend, dass Gott sich vor diesem Plan, einen Turm zu bauen, fürchtete und ihn durchkreuzte, wie es die Bibel beschreibt.
Ohne Babel hätten wir also eine einzige Sprache und eine einzige Literatur; alles wäre einfacher. Doch wäre es auch wirklich besser? Die Vielfalt im Tier- und Pflanzenreich ist uns immer als etwas Wunderbares erschienen; gilt dasselbe nicht auch für die babylonische Vielfalt der Sprachen?
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